Unser Unbegrenzter Radfahrtraum: Tansania Teil 1



Ein großes Land lag vor uns und die Distanzen, die wir hier vor uns hatten, flößten uns Respekt ein. Wir hatten außerdem keine größere Sehenswürdigkeit hier eingeplant, daher haben wir uns auf viele Tage eingestellt, an denen es nur darum geht, Kilometer zu machen.

Grenzkontrast

An der Grenze angekommen, mussten wir zunächst unser Geld umtauschen. Wir hatten eine bedeutende Menge ruandischer Francs dabei, da ich nicht sicher war, wie weit entfernt der nächste Geldautomat in Tansania ist. Glücklicherweise gab es ein paar Wechselbüros, und ich habe eins von ihnen dazu bekommen, aufzurunden, so dass wir nur minimalen Verlust hatten. Wenig später überkreuzten sich die Fahrbahnen klar mit Pfeilen – von nun an herrscht bis Südafrika Linksverkehr. Schließlich überquerten wir dann den Rusumo-Fluss, einen der stärksten Zuflüsse in den Viktoriasee und waren damit in Tansania, wo alle Kontrollen in einem Gebäude stattfinden.

Fünf Tage hatten wir unser Ostafrika-Visum überzogen, es war jedoch klar auf der offiziellen Webseite des ruandischen Einwanderungsministerium angegeben, dass dies ohne Konsequenzen bleibt. Die Grenzpolizistin sah das nicht so gelassen und fragte mich eindringlich nach dem Grund. Ich gab an, krank gewesen zu sein, was sie nicht gelten ließ. „Ihr müsst mir jetzt 50 Dollar zahlen“ – ich habe sofort Korruption gewittert. Im vergleichsweise disziplinierten Ruanda sogar ein ziemlich schamloser Versuch: Kein seriöser Grenzer würde ohne Grundlage einen Betrag nennen und ERST RECHT NICHT das Pronomen „mir“ benutzen! Ich fragte sie ruhig und gelassen nach der Gesetzesgrundlage für diesen Betrag. Damit habe ich ihr auf den Schlips getreten und sie in ihrer Autorität verletzt. Sie startete eine Triade darüber, wie ich den Nerv hätte, sie nach dem Gesetz zu fragen, wie es denn wäre wenn sie in Deutschland ein Visum überzieht und dass ich mich bloß über die Visafrist hinwegsetzen will. Trotz allem stempelte sie ohne Konsequenzen oder negative Vermerke unsere Pässe und beließ alles bei einer mündlichen Verwarnung. Ich nahm an, dass sie merkte, dass wir uns auskennen, hat die Notbremse gezogen und uns gehen lassen. Korruption wird sehr streng geahndet in Ruanda, wäre die Sache weiter eskaliert, würde sie wahrscheinlich gefeuert werden und im Gefängnis landen. Besonders von da her hat mich dieser Versuch doch sehr überrascht.

Die Tansanische Seite war viel freundlicher und sehr einfach. Alles, was wir machen mussten, ist pro Person 50 Dollar abgeben und unterschrieben. Ein paar Minuten später hatten wir unsere Pässe zurück mit einem Einreisestempel. Es heißt, Tansania hat ein Visum bei Ankunft. Meiner Auffassung nach ist es lediglich eine Einreisegebühr, da keinerlei Voraussetzungen nötig sind. Wie auch immer, von nun an können wir drei Monate in diesem Land verbringen. Nach einem schnellen Mittagessen im Grenzort waren wir dann wieder unterwegs.

Ich hatte es schon vorher gehört, man merkt sofort, wie viel niedriger die Bevölkerungsdichte hier ist. Binnen weniger Kilometer waren wir in unberührter Natur und hatten Stille um uns rum. Keine johlenden Kinder oder pfeifende Männer, es war herrlich. Und selbst als wir schließlich in einem Dorf ankamen, haben einige zwar etwas neugierig geguckt, uns aber generell in Frieden gelassen und sind weitergegangen. Wenn wir Schulkinder auf dem Weg getroffen haben, winkten die meisten nur schüchtern, fast nie lief uns jemand hinterher. Wir konnten anhalten, Pause machen und auch campen wo wir wollten, niemand glotzte uns unaufhörlich an und wir hatten generell unsere Ruhe. Wie fantastisch! Ich sagte zu Yuily: „In diesem Land sind wir wieder Menschen“.

Angenehmes Tansania

Wir verbrachten die ersten beiden Nächte in Pensionen. Unterkünfte und einfache Restaurants sind, zumindest auf den Hauptverkehrsadern Tansanias, günstig und sehr oft zu finden. Diese Straße ist die Lebensader für Ruanda und Burundi, ein Großteil deren Importe kommen in LKWs hier entlang. Wir waren also sehr glücklich über die Infrastruktur, die der Verkehr mit sich bringt, und viele der Fahrer waren sehr freundlich und sprachen gut Englisch.

Gutes Englisch sprachen allerdings die wenigsten anderen Tansanier. Swahili ist effektiv die einzige Amtssprache des Landes und so mussten wir die paar Vokabeln, die wir in Kenia gelernt haben, wieder aus dem Gedächtnis graben und schnellstmöglich ein paar neue dazulernen, was Yuily sehr gut machte. Wali Maharage, Reis mit Bohnen, war ein Gericht was in den kleinsten Dörfern zu finden war, und zum Zelten fragten wir „Kesha Kulala?“, während wir auf die gewünschte Stelle zeigten. So konnten wir in der dritten Nacht auf dem Rasen einer Tankstelle zelten. Und obwohl unser Zelt von der Straße aus sichtbar war, kam keiner zum Glotzen rüber (in Ruanda wäre das Zelt binnen Minuten von Gaffern umgeben).

Von der Grenze bis nach Nyakanazi war die Straße in schlechtem Zustand mit vielen Schlaglöchern und Schotter. In Nyakanazi war auch die Abbiegung zur Straße T9, welche den direktesten Weg zur zambischen Grenze darstellt. Das Problem ist, dass die T9, ebenso wie die T6 südlich von Tabora, größtenteils unbefestigt ist und die Regenzeit gerade begonnen hat. Nach meinem kenianischen Schlammbad habe ich mich nicht auf ein weiteres gefreut, und da wir sowieso die Zeit hatten, entschieden wir, auf asphaltierten Straßen östlich bis Dodoma zu fahren, bevor wir wieder nach Südwesten abbiegen.

Nach dieser Abzweigung war die Straße auch, dank EU-Hilfsgeldern, in exzellentem Zustand. Die Hügel ließen nach und oft fuhren wir auf einem breiten Seitenstreifen der nun flachen Straße gegen Osten. Die Regenzeit war definitiv angekommen, und so mussten wir öfters Unterschlupf suchen und saßen einmal bis 13 Uhr im Zelt fest, da es nicht aufhörte zu Regnen. Der Regen war weder verlässlich noch täglich, so hatten wir nach der Stadt Kahama mehrere Tage brütende Hitze bei nahezu wolkenfreiem Himmel.

Schule, Armut und Gastfreundschaft

Schulkinder waren in Tansania oft zu sehen und ich habe die Einwohner der Nachbarländer schon öfters schwärmen gehört über das Bildungssystem in Tansania. Es gibt eine Schulpflicht und generell kein Schulgeld, staatliche Schulen sind im Vergleich mit Kenia und Uganda gut ausgestattet und die Kinder tragen saubere, ordentliche Uniformen. Wir haben ein paar Mal in Schulen gezeltet. Während die Kinder natürlich unglaublich neugierig waren, hat keins sich über uns lustig gemacht, „Mzungu!“ gerufen oder an unseren Fahrrädern rumgetatscht. Wenn auch nur weiterhin eine Vermutung, ich sah mich in meiner Theorie aus Ruanda bestätigt: Hier wurden wir, trotz unserer Hautfarbe, mit Respekt und Würde behandelt, da die Bildung in Tansania darauf Wert legt.

Leider hört die Wohlstandsverteilung aber beim Schulsystem auf. Viele Teile der Landbevölkerung leben in dürftigen Lehmhäusern, die, trotz existierender Leitungen, nicht an das Stromnetz angeschlossen sind. Wenn wir nach Trinkwasser fragten, bekamen wir oft Regenwasser oder verchlortes Brunnenwasser. Diese Leute sind arm, obwohl Tansania kein wirklich armes Land ist. Die Regierung sollte sich hier sehr an die Nase fassen. Gebettelt wird trotzdem fast nie: Die einzigen Male die wir angebettelt wurden, waren von offensichtlich verrückten oder betrunkenen Personen. Die anderen Einwohner in den Orten, in denen das passierte, kannten diese Pappenheimer und sprangen uns oft sofort hilfreich zu Seite, um sie loszuwerden.

Mit der Zeit änderte sich die Landschaft. Wir fuhren ab und zu für ein paar duzend Kilometer durch eine Halbwüste, in der Affenbrotbäume und Dornenbüsche die Landschaft dominierten, die Dank der Regenzeit trotzdem sehr grün war. Wenn es nicht regnete oder bewölkt war, war es oft um die Mittagszeit zu heiß zum Radeln und so haben wir uns mehrere Stunden in einem schattigen Plätzchen ausgeruht, am besten mit einer eiskalten Limonade. Wenn es allerdings regnete, dann so heftig dass wir Unterschlupf suchen mussten. Es wurde sogar manchmal frisch genug um eine Jacke anzuziehen. Ein bewölkter Tag war meistens ideal.

Während dieser Zeit bekamen wir außerordentliche Gastfreundschaft von Tansaniern: Eine Frau entdeckte uns beim zelten in der Nähe einer Kirche und lud uns prompt zu sich nach Hause ein, wo wir zelteten. Dasselbe passierte eine Nacht später, als uns ein Student mit fließendem Englisch ansprach und einlud. Schließlich fragten wir bei einer katholischen Mission um Erlaubnis zum zelten, was sofort mit „Natürlich!“ beantwortet wurde. Zu unserer Überraschung war eine der Nonnen dort aus Italien und 90 Jahre alt. Schwester Rita half diese Mission aufzubauen, die einen großen Bauernhof, einen Kindergarten und eine moderne Klinik beinhaltet. Natürlich ließen sie uns, wie andere Katholiken in Afrika bisher, nicht zelten sondern zeigten uns ein Zimmer und luden uns zum Essen ein. Gott sei Dank!

Die Unscheinbare Hauptstadt

Nach wenig mehr als zwei Wochen radeln kamen wir schließlich in Dodoma an. Ich hatte hier einen Gastgeber über warmshowers kontaktiert und war überrascht, dass uns eine nepalesische Familie die Tür öffnete. Sie lebten seit über zwei Jahren hier und hatten ein großes Grundstück. Sie ließen uns in einem kleinen Gebäude am Rand des Grundstücks übernachten und luden uns zum Grillen ein. Die Familie musste am nächsten Morgen nach Dar es Salaam reisen – wir fragten ob wir eine Woche bleiben könnten und die Antwort war positiv. Ausgezeichnet! Dodoma ist die Hauptstadt Tansanias, aber man könnte es nicht vermuten. Es gibt keine großen Gebäude oder Botschaften hier, und auch einige Ministerien fehlen – all das ist weiterhin in der wirtschaftlichen Hauptstadt an der Küste, Dar es Salaam. Ähnlich wie Naypyidaw in Myanmar ist Dodoma also lediglich eine Hauptstadt auf dem Papier.

Während unserer Erholungspause in Dodoma kümmerten wir uns auch um Sambische Visa. Einige Staatsbürger wie Deutsche können ein unkompliziertes Visum bei Ankunft erhalten, allerdings nicht Taiwaner – so muss Yuily das Visum vorab beantragen. Glücklicherweise ist das online möglich, also haben wir die Dokumente wie Anschreiben, Foto und Passkopie hochgeladen, online bezahlt und abgewartet. Mein Visum war bereits nach einer Stunde genehmigt, während Yuily noch auf Antwort warten musste. Wir haben uns unterdes auf den Weg gemacht.

Von Dodoma nach Iringa haben wir nach fast 1000 km nun endlich die Hauptstrecke zwischen Dar es Salaam und Kigali verlassen und konsequenterweise war der Verkehr nun viel ruhiger. Diese Straße durchquert auch eine mit nur 600 Höhenmeter relativ tief gelegene Ebene, in der die hohen Temperaturen von ca. 36°C eine Herausforderung für uns waren. Tanzania zeigte sich aber weiterhin von seiner besten Seite. Nachdem wir ein paar Getränke in einer Dorfkneipe bestellten, lud uns eine Gruppe Lehrer zu sich am Tisch ein und nach einer kurzen Unterhaltung haben sie uns Getränke ausgegeben und einer von ihnen lud uns zum übernachten zu sich nach Hause ein. Die nächste Nacht fragten wir bei einer Schule zum campen an – nachdem der Direktor gefunden war, wollte er uns sogar sein Bett überlassen, was wir protestierend abgelehnt haben. Danke an eure tolle Gastfreundschaft, liebe Tansanier!

Rund um Mtera ist uns leider aufgefallen, dass die Schulkinder bettelten und Geld fordern. „Mzungu! Money!“ Das war traurig, denn das war in Tansania bisher nie der Fall. Ich kann nur spekulieren, aber da es vorwiegend Schüler mit derselben Uniform waren, lag der Grund nahe: In dieser Schule war wohl ein Ausländer als Freiwilliger tätig, der Stifte, Hefte, Süßigkeiten und eventuell sogar Geld an die Kinder verteilt hat. Hier noch einmal ein Appell an alle: Verteilt keine Geschenke an Kinder in Afrika!!! Ihr ruiniert damit deren Leben! Es entsteht so schon im frühen Alter ein Bild, dass der weiße Mann immer Sachen bringt und man sich nie selbst um diese kümmern muss. Selbst nützliche Gegenstände wie Hefte und Stifte tragen dazu bei. Jeder Dorfladen in Tansania verkauft diese Sachen für wenig Geld. Afrika muss auf eigenen Beinen stehen, und mit jedem Stift der einem Schulkind geschenkt wird, verhindern wir genau das.

Wenig später bekam Yuily die Antwort auf ihren Visa-Antrag. Diese Antwort hatte einen großen Effekt auf unsere weitern Pläne…

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